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Hier einmal zwei Appetizer für den Anfang. Habt Freude beim Lesen und Hören!

Und es gibt sie doch

Und es gibt sie doch

Den Teebecher in der Hand, den Pullover über die Knie gezogen, hockt Birgit auf dem grün bemalten Küchenstuhl und liest sich in den Kontaktanzeigen fest. Am Morgen hat sie mehr Zeit als ihre Mitbewohnerin, mit der sie gestern deren unglückliche Affäre mit ihrem Chef diskutierte, bis die Rotweinflasche leer war. Jetzt ist alles ruhig und Birgit will auch diesmal den Anzeigen-Kandidaten nicht auch nur die kleinste Lüge im Text durchgehen lassen. Die sich als „gut aussehend“ bezeichnen, fliegen gleich heraus. Es wäre nur schön, wenn er zumindest ihre 1 Meter 83 erreichen würde. Große Ohren, lange Nasen, fliehendes Kinn, wenig Haare – alles egal, nur lustig, lieb und ehrlich soll ihr Mr. Right sein. Einige Anzeigen streicht sie an.

Ihr Frühstücksbecher klingelt jeden Morgen gegen das Vergessen der Zeit an. Unter der Dusche versucht sie sich an die interessanten Inserate zu erinnern. Es darf nicht sein, dass sie die Worte einer neuen Liebe gleich nach dem ersten Lesen vergisst. Einfallsreichtum muss sein.

Sie zieht ihren langen schwarzen Rock, warme Strumpfhosen und eine der weißen Blusen für den Job an und schwingt sich in tomatenroter Daunenjacke auf ihr Fahrrad.

Hanna hat es nicht weit zur Straßenbahn, aber es ist bequemer und viel wärmer, sich von seinem Mann zur Haltestelle bringen zu lassen anstatt durch die Kälte zu hetzen. Sie steht tagtäglich lang genug hinter dem Kuchen-Buffet. Manchmal bekommt sie schon dicke Füße. Dabei ist sie grade erst 33 geworden.

Während sie im Auto bei Radiomusik wartet, dass er das Eis von den Scheiben kratzt, läuft das Gebläse auf Hochtouren.

Mit einem „Geschafft!“ steigt er ein. Hanna beobachtet weiter, wie sich die Windschutzscheibe auf ihrer Seite entschleiert. Die Straße dahinter ist grau und nass. Er fährt los und entlässt sie drei Querstraßen weiter an der Haltestelle. Bis dahin stöhnt er über die defekte Elektronik von Computern und sie hofft, dass die Chefin sich heute nicht blicken lässt. Ein kurzer Kuss und ein „Bis später!“ reichen bis zum Abend.

Herr Schweiger wandert durch die Stadt, wie jeden zweiten Tag. Der Zug bringt ihn zum Bremer Hauptbahnhof. Ab da geht er nur noch zu Fuß. Früher fuhr er mit dem Bus oder der Straßenbahn zur Arbeit, heute hat er zu viel Zeit.

Er wartet an einer Fußgängerampel neben vielen anderen, die sich wie er mit Mänteln und Mützen gegen die Kälte schützen. Sein Weg führt ihn ins warme Café an der Ecke. Es ist noch Vormittag. Sein üblicher Tisch ist von älteren Damen besetzt, die sich über jede servierte Tasse Kaffee und jeden frisch gebackenem Kuchen mit einem „Ah!“ und „Dankeschön!“ freuen. Herr Schweiger weiß nicht, ob er schon an allen Tischen gesessen hat, aber darüber macht er sich keine Gedanken. Hauptsache er ist hier, und Rosa auch. Sie sitzt zwischen den Damen und lässt grade einen Zuckerwürfel in ihre Tasse fallen. Nachdem er Mantel und Schal abgelegt hat, setzt er sich die weißen Haare glatt streichend an den kleinen Tisch nahe der Tür. Wie immer legt er Heft und Kugelschreiber vor sich hin. Er schlägt es auf und schreibt:

Liebe Rosa,

ich sehe, wie vergnügt du bist und mit den anderen lachst. So habe ich dich lange nicht mehr gesehen. Dein grüner Pullover steht dir wirklich gut. Ich habe nicht vergessen, dass du ihn dir letztes Jahr vor Weihnachten gekauft hast. Ich weiß, ich war nie gut im Geschenkemachen. Ich war in so vielem nicht gut. Nun laufe ich wieder wie Falschgeld durch die Stadt und suche dich. Vorhin habe ich dich schon weit weg auf dem Wochenmarkt erspäht, aber der sicherste Platz ist doch hier. Wie du siehst, habe ich mein Werkzeug immer in der Tasche. Dabei gibt es für mich nichts mehr zu tun. Ich schreibe immer noch in diese Hefte, immer mit dem Kugelschreiber von dir. Dass du mir den schenken konntest! Ich war doch immer weg. Du warst oft hier. Ich weiß nicht wie oft allein, mit unserer Flora, mit ihm.

Ich liebe dich doch.“

„Was darf ich Ihnen bringen? Ein Kännchen Kaffee, wie immer?“

Die große Serviererin im langen Rock und weißem Schürzchen steht plötzlich neben ihm.

„Oh,“ er kriecht aus dem Heft und schiebt die Brille die Nase hinauf, „ja, bitte.“

Herr Schweiger findet Rosa nun allein am Fenster sitzend. Sie liest auf die Ellenbogen gestützt in einem Magazin.

Birgit tippt Hannah auf die Hand.

„Er schreibt wieder einen Liebesbrief an Rosa.“ Birgit lächelt und nickt zu seinem Tisch hinüber. Ihr dunkler Zopf fliegt.

„Und das in dem Alter!“, sagt Hannah vorwurfsvoll und greift zum Tortenheber.

Die Große macht eine Faust und sagt: „Liebe muss nicht verloren gehen.“

„Nach 10 Jahren ist spätestens alles vorbei“, behauptet Hannah und schiebt zwei Stück Schwarzwälder auf zwei Teller. „Dann bleibt nur noch das hier.“ Sie zeigt mit dem Tortenheber auf den Kuchen.

Birgit stellt ein Tablett mit Tee und Stövchen zusammen. „Du liebst deinen Mann also demnächst nicht mehr?“

Hannah legt den Tortenheber ab. „Seine Rosa gibt’s doch gar nicht.“

„Doch!“, bekräftigt Birgit und dreht den Hahn für heißes Wasser auf. „Ich geh’ ihn fragen.“

„Du spinnst!“, zischt die andere.

Birgit lehnt sich zu ihrer Kollegin: „Vielleicht.“

Dann jongliert sie Kuchen und Tee zu zwei Frauen mit Hüten.

Herr Schweiger schreibt: „Eben stand ich an der Kreuzung. Autos und Straßenbahnen fuhren schön geordnet vorbei, jeder bei Grün, nie bei Rot. Ich habe mir vorgestellt, dass sie alle jemanden suchen und nur deshalb irgendwohin laufen oder fahren, Liebe nie bei Rot, nur bei Grün. Jetzt hättest du gelacht.“

Birgit schiebt das Tablett mit dem Kaffee neben das Heft.

„Wo haben Sie Rosa eigentlich kennen gelernt?“

Herr Schweiger schaut auf. Er lächelt.

„Da vorn an der Ampel. Sie rannte zur Bahn und verpasste sie – zum Glück.“

„Ein schöner Zufall. Warum begleitet sie Sie nicht?“, fragt Birgit weiter.

„Sie ist hier. Mal sitzt sie dort allein, mal dort drüben mit ein paar Damen.“

Birgit schaut sich um und erkennt, dass sie Rosa nicht sehen kann.

„Entschuldigung!“, stammelt sie und will gehen.

„Nein“, spricht er hastig, „es ist nett, dass sie fragen. Sie lebt nicht mehr.“

„Das tut mir leid!“, Birgit knetet Falten in ihre Schürze.

„Hier ist sie mir oft näher als vorher. Sie war oft hier. Ihr roter Lockenkopf…“ Herr Schweiger schaut wieder hinunter auf sein Heft.

„Ich erinnere mich“, beeilt sich die Serviererin zu sagen, „Und es geht ihnen gut?“

Er schaut wieder lächelnd zu ihr auf: „Solange sie da ist.“

Nachdem Birgit an zwei Tischen kassiert hat, erreicht sie wieder das Buffet.

„Es gibt sie tatsächlich,“ flüstert sie und lehnt sich zu ihrer Kollegin.

„Wen?“, fragt Hannah.

„Die Liebe“, sagt Birgit.

Tun und lassen

Tun und lassen

von Ulrike Miesen-Schürmann, gelesen von Thomas Landl

Tun und lassen

Als Mädchen mit geflochtenen Zöpfen wollte Elisabeth immer nackt in den Fluss hineinpreschen, damit ihre Haut das Wasser ganz und gar aufsaugen konnte – ohne den nassen Lappen von Badeanzug. Jahre später schlich sie eines Sommernachts mit einem Mann, für den sie schwärmte, zum Fluss: Nackt tasteten sie sich hinein; schwammen, lachten. Nass warf sie sich außer Atem in den warmen Sand. Der Mann suchte nach einem Handtuch. In Hosen hockte er auf einem Stein und heiratete eine andere.

Auf dem Rücken ihres Ehemannes zogen Narben ihre Wege; er wollte sie nicht zeigen. Elisabeth fuhr allein mit den beiden Kindern zum Fluss. Eine Ehefrau und Mutter zeigte sich nicht mehr nackt – nur die Kleinen. Am Abend danach nahm sie immer ein Wannenbad. Nach und nach erzählte ihr der kleine Spiegel im Badezimmer immer mehr Geschichten von der Landschaft ihrer Beine: Hügel erhoben sich und Senken kerbten sich ein. Ihre Brüste schwollen an wie Quallen, die sie einmal mit den Kindern am Strand gefunden hatte. Sie lächelte darüber, denn das Wasser strich immer noch wie Fingerspitzen um jedes Stück Haut herum. Dabei träumte sie von einem Bad im Meer. Sie stünde allein und bloß im Wind, der am Nacken vorbei wischte und zwischen ihren Beinen hindurch glitt.

Ihr Mann starb, der Sohn verließ kurze Zeit später als letzter mit seiner Familie die Stadt. Bis dahin hatten seine Kinder mittags bei Elisabeth gegessen und Hausaufgaben gemacht. Die Schwiegertochter sagte über den letzten Teller Bohnensuppe hinweg: „Jetzt kannst du endlich tun und lassen, was du willst.“

Jetzt ist Elisabeth alt und allein.

Heute Mittag kommt sich Elisabeth unverschämt vor, als sie den Fernseher anstellt: eine Dokumentation über die Nordsee mit Bildern von Möwen, Fischkuttern, die immer weniger fangen, Stränden, die in der Sonne leuchten. Das Meer kommt Tag und Nacht, stiehlt den Sand, besonders jetzt im Winter. Könnte sie hinfahren? Zumindest für einen Tag; zumindest Wind im Gesicht; vielleicht Wasser an den Zehen? Nein, sie würde warten müssen, bis die Sonne den Wind wieder erwärmt hatte. Dann könnte sie ein Kleid anziehen und am Strand umherspazieren, ganz ohne Strümpfe und vielleicht auch ohne Schuhe? Der Wind würde um ihre Waden wehen und ihre Dauerwelle verwüsten.

Aber – was ist jetzt im Winter?

Draußen schlittern Autos über das Kopfsteinpflaster. Heute Morgen trugen die Kinder Schals und Mützen auf dem Weg zur Schule. Vielleicht sollte sie ein Bad nehmen. Mittags? Ihr Mann hatte immer über die Wasserkosten geschimpft – zu Recht. Aber sie wünscht sich doch Wind, Sommerwind, der vom Gesicht hinab zu den Zehen fließt wie eine Dusche – nur ohne Wasser. Und nackt will sie dabei sein. Nackt, wo ist sie das heute noch? Beim Arzt, wenn’s irgendwo weh tut. Hier? Im Bad, und vielleicht im Bett – aber nur unter der Decke. Im Wohnzimmer? Zwischen den Möbeln, die noch jünger sind als sie? Ihre Kanten sind abgestoßen; das Holz bleicht immer mehr aus – wie ihre Haut. Nur Flecken zeigen sich immer mehr: Zuerst sind es nur Schatten in Gelb. Die verwandeln sie sich in ein Braun – wie Schokoladenreste. Auf Hals und Händen wogt ein Meer von Falten: Die Adern liegen auf den Wellen hoch oben über den schmalen Schluchten.

Gibt es einen Strand, an dem sie sich so sehen lassen kann? Das Fernsehen zeigt im Sommer ständig, wie junge Menschen nebeneinander im Sand liegen. Der Wind ist auch ohne Elisabeth beschäftigt. Sie muss eben warten: Worauf? – Nur bis zum Sommer… Würde sie dann wirklich fahren? Ganz allein? Noch so lange hin…

Der Wind scheucht einen Wolkenschatten über den Strand und den Bildschirm. Elisabeth zupft an ihren bunten Kniestrümpfen, zieht sie ganz aus. Die Hacken scheinen durch, aber für zu Hause gehen sie noch. Die Nylons darunter sind ihr auch zu viel. Fort mit ihnen! Der Teppich piekst in ihre Fußsohlen. Nur im Sommer läuft sie manchmal barfuß durch die Wohnung – wenn es keiner sieht. Elisabeth zieht ihre Hosenbeine über ihre Knie und wandert auf ihrem ausgetretenen Weg vom Sessel zum Fernseher. Daneben ist der Teppich noch höher und weicher. Ihre Wadenhärchen stellen sich auf. Darüber rollt eine Wolke die Beine hinauf und wieder hinunter. Dann legen sich die Härchen wieder gelassen nieder.

Elisabeth lässt sich in ihren Sessel fallen und strampelt sich aus ihrer Hose. In Baumwollunterhosen tapst sie zum Spiegel im Flur. Ihr Lachen hallt von Wand zu Wand und wieder zurück. Sie schlägt die Hände vor den Mund; kichert dahinter weiter – wie damals in der Nacht am Fluss. Zu einem Rund gebogen stehen ihre Beine von den Hüften ab. Unter den Knien drückte sich die Haut zusammen wie bei einem Akkordeon ohne Luft. Lächelnd stapft Elisabeth den Flur hinunter, kehrt um, ins Wohnzimmer bis zum Sessel und schnell noch einmal zurück. Am liebsten hätte sie vor Gänsehaut gejubelt, aber es ist Mittagsruhe und sicher wird sie bald frieren. Es ist eben kein Sommer. Doch ein Bad? Zumindest eine Dusche. Danach könnte sie sich trocken laufen, hier in der Wohnung – so ein Quatsch! Das alles für ein bisschen Sommerwind. Sie würde abwarten – oder sie könnte die Heizung höher drehen? Das schlägt sich auf die Nebenkosten nieder. Mit ihrer Witwenrente kann sie nur kleine Sprünge machen.

Auf dem Bildschirm schleckt ein gebräuntes Mädchen im Bikini an einem Eis und kichert, als es die Filmkamera entdeckt. Mit Rehsprüngen verschwindet es zwischen den Sandburgen. Nur ihre Fußsohlen sind noch weiß. Wie viel Wind wirbelt sie auf; wie viel… Elisabeth tapst ins Bad, greift an den Haken neben den Spiegel und kichert wie das Mädchen. Zurück am Sessel zieht sie den Stecker der Stehlampe aus der Dose, drückt einen anderen hinein. Ihr Daumen auf den Schalter und warme Luft strömte durch die Stube. Elisabeth lächelt ihn an, den Fön in ihrer Hand. Im Sessel zurücksinkend schließt sie die Augen. Es schreien die Möwen. Die Wellen schäumen an den Strand. Sommerwind streicht ihre Beine hinauf und hinunter. Bis zum Meer sind es nur noch ein paar Schritte.

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