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Kunst – Ideen – Lernen

Tun und lassen

Tun und lassen

von Ulrike Miesen-Schürmann, gelesen von Thomas Landl

Als Mädchen mit geflochtenen Zöpfen wollte Elisabeth immer nackt in den Fluss hineinpreschen, damit ihre Haut das Wasser ganz und gar aufsaugen konnte – ohne den nassen Lappen von Badeanzug. Jahre später schlich sie eines Sommernachts mit einem Mann, für den sie schwärmte, zum Fluss: Nackt tasteten sie sich hinein; schwammen, lachten. Nass warf sie sich außer Atem in den warmen Sand. Der Mann suchte nach einem Handtuch. In Hosen hockte er auf einem Stein und heiratete eine andere.

Auf dem Rücken ihres Ehemannes zogen Narben ihre Wege; er wollte sie nicht zeigen. Elisabeth fuhr allein mit den beiden Kindern zum Fluss. Eine Ehefrau und Mutter zeigte sich nicht mehr nackt – nur die Kleinen. Am Abend danach nahm sie immer ein Wannenbad. Nach und nach erzählte ihr der kleine Spiegel im Badezimmer immer mehr Geschichten von der Landschaft ihrer Beine: Hügel erhoben sich und Senken kerbten sich ein. Ihre Brüste schwollen an wie Quallen, die sie einmal mit den Kindern am Strand gefunden hatte. Sie lächelte darüber, denn das Wasser strich immer noch wie Fingerspitzen um jedes Stück Haut herum. Dabei träumte sie von einem Bad im Meer. Sie stünde allein und bloß im Wind, der am Nacken vorbei wischte und zwischen ihren Beinen hindurch glitt.

Ihr Mann starb, der Sohn verließ kurze Zeit später als letzter mit seiner Familie die Stadt. Bis dahin hatten seine Kinder mittags bei Elisabeth gegessen und Hausaufgaben gemacht. Die Schwiegertochter sagte über den letzten Teller Bohnensuppe hinweg: „Jetzt kannst du endlich tun und lassen, was du willst.“

Jetzt ist Elisabeth alt und allein.

Heute Mittag kommt sich Elisabeth unverschämt vor, als sie den Fernseher anstellt: eine Dokumentation über die Nordsee mit Bildern von Möwen, Fischkuttern, die immer weniger fangen, Stränden, die in der Sonne leuchten. Das Meer kommt Tag und Nacht, stiehlt den Sand, besonders jetzt im Winter. Könnte sie hinfahren? Zumindest für einen Tag; zumindest Wind im Gesicht; vielleicht Wasser an den Zehen? Nein, sie würde warten müssen, bis die Sonne den Wind wieder erwärmt hatte. Dann könnte sie ein Kleid anziehen und am Strand umherspazieren, ganz ohne Strümpfe und vielleicht auch ohne Schuhe? Der Wind würde um ihre Waden wehen und ihre Dauerwelle verwüsten.

Aber – was ist jetzt im Winter?

Draußen schlittern Autos über das Kopfsteinpflaster. Heute Morgen trugen die Kinder Schals und Mützen auf dem Weg zur Schule. Vielleicht sollte sie ein Bad nehmen. Mittags? Ihr Mann hatte immer über die Wasserkosten geschimpft – zu Recht. Aber sie wünscht sich doch Wind, Sommerwind, der vom Gesicht hinab zu den Zehen fließt wie eine Dusche – nur ohne Wasser. Und nackt will sie dabei sein. Nackt, wo ist sie das heute noch? Beim Arzt, wenn’s irgendwo weh tut. Hier? Im Bad, und vielleicht im Bett – aber nur unter der Decke. Im Wohnzimmer? Zwischen den Möbeln, die noch jünger sind als sie? Ihre Kanten sind abgestoßen; das Holz bleicht immer mehr aus – wie ihre Haut. Nur Flecken zeigen sich immer mehr: Zuerst sind es nur Schatten in Gelb. Die verwandeln sie sich in ein Braun – wie Schokoladenreste. Auf Hals und Händen wogt ein Meer von Falten: Die Adern liegen auf den Wellen hoch oben über den schmalen Schluchten.

Gibt es einen Strand, an dem sie sich so sehen lassen kann? Das Fernsehen zeigt im Sommer ständig, wie junge Menschen nebeneinander im Sand liegen. Der Wind ist auch ohne Elisabeth beschäftigt. Sie muss eben warten: Worauf? – Nur bis zum Sommer… Würde sie dann wirklich fahren? Ganz allein? Noch so lange hin…

Der Wind scheucht einen Wolkenschatten über den Strand und den Bildschirm. Elisabeth zupft an ihren bunten Kniestrümpfen, zieht sie ganz aus. Die Hacken scheinen durch, aber für zu Hause gehen sie noch. Die Nylons darunter sind ihr auch zu viel. Fort mit ihnen! Der Teppich piekst in ihre Fußsohlen. Nur im Sommer läuft sie manchmal barfuß durch die Wohnung – wenn es keiner sieht. Elisabeth zieht ihre Hosenbeine über ihre Knie und wandert auf ihrem ausgetretenen Weg vom Sessel zum Fernseher. Daneben ist der Teppich noch höher und weicher. Ihre Wadenhärchen stellen sich auf. Darüber rollt eine Wolke die Beine hinauf und wieder hinunter. Dann legen sich die Härchen wieder gelassen nieder.

Elisabeth lässt sich in ihren Sessel fallen und strampelt sich aus ihrer Hose. In Baumwollunterhosen tapst sie zum Spiegel im Flur. Ihr Lachen hallt von Wand zu Wand und wieder zurück. Sie schlägt die Hände vor den Mund; kichert dahinter weiter – wie damals in der Nacht am Fluss. Zu einem Rund gebogen stehen ihre Beine von den Hüften ab. Unter den Knien drückte sich die Haut zusammen wie bei einem Akkordeon ohne Luft. Lächelnd stapft Elisabeth den Flur hinunter, kehrt um, ins Wohnzimmer bis zum Sessel und schnell noch einmal zurück. Am liebsten hätte sie vor Gänsehaut gejubelt, aber es ist Mittagsruhe und sicher wird sie bald frieren. Es ist eben kein Sommer. Doch ein Bad? Zumindest eine Dusche. Danach könnte sie sich trocken laufen, hier in der Wohnung – so ein Quatsch! Das alles für ein bisschen Sommerwind. Sie würde abwarten – oder sie könnte die Heizung höher drehen? Das schlägt sich auf die Nebenkosten nieder. Mit ihrer Witwenrente kann sie nur kleine Sprünge machen.

Auf dem Bildschirm schleckt ein gebräuntes Mädchen im Bikini an einem Eis und kichert, als es die Filmkamera entdeckt. Mit Rehsprüngen verschwindet es zwischen den Sandburgen. Nur ihre Fußsohlen sind noch weiß. Wie viel Wind wirbelt sie auf; wie viel… Elisabeth tapst ins Bad, greift an den Haken neben den Spiegel und kichert wie das Mädchen. Zurück am Sessel zieht sie den Stecker der Stehlampe aus der Dose, drückt einen anderen hinein. Ihr Daumen auf den Schalter und warme Luft strömte durch die Stube. Elisabeth lächelt ihn an, den Fön in ihrer Hand. Im Sessel zurücksinkend schließt sie die Augen. Es schreien die Möwen. Die Wellen schäumen an den Strand. Sommerwind streicht ihre Beine hinauf und hinunter. Bis zum Meer sind es nur noch ein paar Schritte.

Ulrike Miesen-Schuermann

Ulrike Miesen-Schuermann

Künstlerin, Dozentin für Malerei und Kreatives Schreiben, Ideenquelle

 

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