Kleine Nachbarn

Es ist nicht erst seit Corona so, dass ich morgens nicht durch den Wecker aufwache, sondern durch divers geartete Geräusche von nebenan.

Die Quelle sind zwei kleine Jungs mitsamt ihren so überforderte Eltern, dass mir abwechselnd die Kinder oder die Eltern leidtun. Aber die Eltern haben es sich so ausgesucht – ich nicht. Dazu gibt es noch einen Mitbewohner, der Happy heißt, es aber nie ist: ein kleiner Mops. Bei Möpsen weiß man nie, ob sie sich mal freuen. Dieser tut es bestimmt nicht – oder eben nur, wenn er mit Herrchen, ein eigentlich ruhiger Zeitgenosse, draußen ist – allein.

Happy hat es nicht leicht mit seinem Rudel. Durch sein Bellen, das eher ein Wuffen ist, kann er sich leider kaum Gehör verschaffen. Die Stimmen der Jungs schlagen seine Dezibels um Längen. Besonders Anton – der Kleinste in Happys Rudel – macht ihm in Lautstärke und Durchhaltevermögen mehr als nur Konkurrenz und geht mir intensiv auf die Nerven – täglich. Noch vor einem Jahr dachte ich, es gäbe nur einen Jungen, bis ich die Eltern vor kurzem mit zwei blassen Jungs in der Sportkarre sah. Sie sahen aus, als könnten sie aufgrund ihrer Blutleere eine Kur vertragen, jedoch nicht diese Lautstärken erreichen. Wenn es grade besonders schlimm ist, frage ich mich: Fahren die denn nie in Urlaub oder zu ihren Großeltern nach Polen? Wenn ich so darüber nachdenke, habe ich die Großeltern nebenan nicht mehr gesehen, seit sie geholfen haben, das Haus zu renovieren. Baulärm ist wohl nicht so schlimm wie diese lieben Enkel. Ich sehe meine Chance auf ein paar ruhige Tage schwinden.

Happy muss sich aufgrund des Geschreis, Gejohles und Gekreischs als Rangletzter fühlen. Denn inzwischen beschränkt er sich auf die letzte verbleibende Aufgabe: sein Rudel durch Wuffen zusammenzuhalten. Das macht er allerdings auch nur, wenn das Rudel nicht in seinem Einflussbereich ist: nämlich, wenn er mal wieder in den Garten gesperrt wird, weil er bei irgendetwas nicht dabei sein soll. Nebenan ist es dann drinnen verdächtig still. Wahrscheinlich ist das Rudel ausgeflogen, und Happy wufft nun nach ihm – immer den Blick auf die Terrassentür gerichtet – stundenlang. Das nervt schon sehr. Sein Rudel hört ihn nicht, aber ich darf sein Wuffen genießen. Dabei ist es doch mein Balkon, den ich genießen will. Dann ergebe ich mich in mein Schicksal, lehne mich übers Balkongeländer und tue ihm mein Mitleid kund – das für ihn und das für mich. Er wufft zurück, allerdings eher verärgert. Welcher Hütehund will schon Mitleid?

Letzten Sommer beschlossen die Eltern, den Jungs ein größeres Kinderzimmer zu bauen. So erbrachte der Vater noch einen zusätzlichen Beitrag zur Nachbarschaftsakustik und verfuhr schön abends nach seiner Arbeit nach Reinard Meys Songtitel: „Irgendein Depp bohrt irgendwo immer“. Das habe ich zum Glück hinter mir.

Heute Morgen um 7:00Uhr ging das übliche Geschrei oder Geheule wieder los. Und wenn nicht das, dann das Getrampel durch das Wohnzimmer ins Esszimmer und zurück – am besten beides in Kombination.

Universum, aus einem bestimmten Grund hast du mir diese Aufgabe des Aushaltens gestellt: Halte das gellende Geschrei, wie auch immer es geartet, gurgelnd, heiser, glasklar, in unterschiedlichen Hertztönen, einfach aus! Mann, muss der Junge, unglücklich sein! Tatsächlich schreit immer nur einer. Den Chor von zwei Stimmen möchte ich mir gar nicht vorstellen.

Manchmal stimmen Mama – tagsüber – oder Papa – abends oder am Wochenende – mit ein. So bekam ich heraus, dass der Junge mit den vielen Tönen Anton heißt. Ton steckt schon im Namen – ist wohl Programm – als hätte ich das unbedingt wissen wollen.

Das war nun die andere Seite der Nachbarschaft.

Die andere Seite ist im Großelternalter und die Enkel – Kinder des Sohnes, die gegenüber wohnen – sind schon alt genug, sich schweigsam mit dem Handy zu beschäftigen.

Da hält man den Ententanz aus den Lautsprechern des Opas bereitwilliger aus. Und man schleppt die frisch aufgehängte Wäsche wieder hinein, weil der Mann doch so liebend gern seinen selbst gebauten und überdachten Großgrill anschmeißt.

Nun kommt die Tochter zu Besuch. Mutter und Tochter erfreuen sich auf der Terrasse am guten Wetter und der Gesellschaft, aber Jona – geschätzte 2 bis 3 Jahre – lässt sie nicht lange. Er hält sich gern außer Sichtweite der beiden Frauen auf. Die kleine Schwester sitzt auf Omas Schoß und probiert blubbernd ihr Stimmchen aus – ganz hübsch und ganz niedlich.

Doch Jonas Mama ist auf der Hut. Sie kennt ihren Pappenheimer und vermeidet deshalb jeden Zweifel: „Jona, nein!“

Oma unterstützt die Tochter mit ihrer Altstimme. „Nein!“

Die Mutter geht in den Sopran über: „Jona, lass das!“

Jona weint in den Choral hinein, weil man ihn aus dem spannenden Blumentopf fischt. Er soll mit dem Spielzeug spielen und am besten noch mit seiner Schwester.

„Nein, das ist nicht dein Spielzeug. Mach das nicht kaputt!“, höre ich nach 5 Minuten.

Jona tut ´nen Teufel.

„Jona, wenn du das noch einmal machst, dann bringe ich dich nach Hause. Da bleibst du dann allein“, wettert die Mama.

„Ohne Mama“, bekräftigt die Oma.

Schweigen für 10 Sekunden: Das bedeutet einen Schluck Kaffee auf dem Balkon für mich mit einem weiten Blick über die Rückseiten der Häuser und Gärten gegenüber, hier und da ein Vogelträllern und die Sonne kommt hinter der Wolke hervor. Ich halte meine Nase in die Strahlen und atme tief durch.

Dann kommt Jonas Papa durch das Haus nach draußen auf die Terrasse, freut sich seinen Sohn zu sehen und schaut ihm begeistert zu, wie der wieder seine Hände im Blumenkübel vergräbt.

Alle weibliche Arbeit ist dahin. Aber ich habe meinen Text. Irgendetwas Gutes muss diese von Kleinkindern umzingelte Zeit schließlich für mich haben.

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Ulrike Miesen-Schuermann

Ulrike Miesen-Schuermann

Künstlerin, Dozentin für Malerei und Kreatives Schreiben, Ideenquelle

 

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